Vom Sinn des Unsinns: Die ig-Nobelpreise

„Die beklopptesten Forschungen“ titelt das eine Magazin, von „bescheuerten Studien“ spricht ein anderes. Und „Ist das dein Ernst, Wissenschaft?“ fragt der Stern  – so richtig ernst nimmt die ig-Nobelpreise, mit denen jedes Jahr im September besonders skurrile und abseitige Forschungsergebnisse ausgezeichnet werden, keiner; selbst das Komitee und die Preisträger nicht.

Entsprechend viel Klamauk ist auch im Spiel, wenn die Preise im Sanders Theatre der alterwürdigen Harvard University verliehen werden – von echten Nobelpreisträgern übrigens. Die Trophäe ist eine Plastik-Uhr mit Eieruhrenzeigern, das Maskottchen ist der Stinker – ein vom Sockel gefallener Denker – und zu ausschweifende Dankesreden werden von einer lebenden Alarm-Glocke rüde unterbrochen. Mehr zur Zeremonie und den diesjährigen Preisträgern in meinem Artikel „Abseitig, skurril und trotzdem wertvoll: ig-Nobelpreise verliehen“.

Blanker Unsinn – auf den ersten Blick

Und ja, die mit dem Anti-Nobelpreis – ig-Nobelpreis ist ein Wortspiel aus „ignoble“ (zu deutsch so viel wie „unwürdig“) und „Nobel-Preis“ – ausgezeichneten Forschungsprojekte sind auf den ersten Blick blanker Unsinn. Wer kommt schon auf die Idee, mit künstlichen Ziegenbeinen und einem Hörner-Helm unter Bergziegen zu leben, wie es der britische Designer Thomas Thwaites tat und dafür im Bereich Biologie ausgezeichnet wurde. Oder wen interessiert, ob Pferdebremsen lieber weiße oder dunkle Pferde stechen – abgesehen von den Pferden natürlich.

Halt! Irgendjemanden interessierten die Studien ganz offenbar doch. Voraussetzung für eine Auszeichnung ist nämlich, dass es einen Artikel zu der jeweiligen Forschung in einem wissenschaftlichen Fachjournal gab. Da stellt sich dann doch die Frage, ob die Projekte wirklich so sinnlos sind, wie es scheint, oder ob es einen Nutzen gibt, der vielleicht noch nicht jedem so deutlich ist – Grundlagenforschung, gewissermaßen. Im Falle des Medizin-Preises, den die deutschen Forscher Christoph Helmchen, Carina Palzer, Thomas Münte, Silke Anders und Andreas Sprenger gewonnen haben, gibt es sogar schon einen konkreten Verwendungszweck. Es klingt lustig, dass man sein Hirn austricksen kann und es links aufhört zu jucken, wenn man sich vor einem Spiegel stehend rechts kratzt – für Patienten mit empfindlichen, aber höllisch juckenden Ekzemen ist das jedoch eine ernstzunehmende Möglichkeit, sich Linderung zu verschaffen.

Manchmal zeigt sich der Nutzen erst später

Aber ich schweife ab. Manchmal ist Wissenschaft einfach erstmal Selbstzweck – der Nutzen kommt schon noch. Hin und wieder jedenfalls. Und selbst eine Sackgasse ist kein Beinbruch: Nicht jeder Handgriff muss einem höheren Zweck dienen. Wenn unsere Vorfahren nicht gezündelt hätten, würden wir immer noch ausschließlich Rohkost essen, und wenn keiner völlig sinnfrei mit runden Steinen gespielt hätte, wäre das Rad nie erfunden worden. Dass das Hantieren mit, sagen wir, flachen Steinen keine solch bahnbrechenden Erkenntnisse gebracht hat, interessiert heute niemanden mehr. Selbst Fehler sind manchmal zielführend: Teflon ist in den 1930er Jahren zufällig auf der Suche nach einem Kältemittel für Kühlschränke entstanden, und ohne eine versehentlich verschimmelte Pilzkultur wäre Penicillin nie (oder zumindest nicht so bald) entdeckt worden.

Was ich damit sagen will? Nicht alles, was lächerlich aussieht, ist gleich bescheuert. Nicht alles, was der Schreiber eines Artikels nicht nachvollziehen kann, ist unbedingt Unsinn, und nicht jedes Projekt, deren Nutzen dem gemeinen Social-Media-Kommentator schleierhaft ist, bedeutet verschwendetes Geld – vor allem letzteres wird gern zum Beispiel der Raumfahrt unterstellt. Was ich dazu denke, habe ich in meinem Kommentar „Die ISS-Mission, die jeden Cent wert ist“ schon vor fast zwei Jahren geschrieben.

Anregung zum Lachen und Denken

Und selbst, wenn es sich am Ende als wirklich völlig unnützes Wissen herausstellen sollte, dass zum Beispiel das sechsmonatige Einhüllen der menschlichen Hoden mit Polyester die Spermienproduktion unterbindet (Ahmed Shafik, Preisträger in der Kategorie „Reproduktion“): Die wichtigste Intention für die Vergabe es ig-Nobelpreises ist, die Menschen erst zum Lachen und dann zum Denken zu bringen. Das ist jedenfalls der erste Satz, den das Komitee selbst auf seiner Website Improbable Research schreibt. Die Preise seien dazu gedacht, das Ungewöhnliche zu feiern und den Einfallsreichtum zu ehren, heißt es weiter –  „und dazu, das Interesse der Menschen für Wissenschaft, Medizin und Technologie anzuregen“.

Ich freue mich jedenfalls schon auf die Preisverleihung 2017!

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