Vermächtnis eines Fremden

Ein bisschen tragisch ist es ja schon, wenn man einen Menschen erst aufgrund der Nachricht seines Todes so wahrnimmt, dass man ihn kennenlernen möchte. Mir ist das heute so mit Henning Mankell gegangen. Klar, ich kannte den Namen, er war mir als schwedischer Erfolgsautor vor allem von Krimis bekannt. Gelesen hatte ich jedoch nie eins seiner Bücher. Ich habe den Eindruck, dass ich das mal ändern sollte.

Eben habe ich – inspiriert von der Formulierung „erinnert sich an einen Mann, der […] nicht sterben wollte“ im Teaser – einen Nachruf von stern-Redakteur Stephan Draf gelesen, in dem es um eine Begegnung mit dem bereits Sterbenskranken geht. Im Grunde ist es eine Mischung aus persönlichen Eindrücken, einzelnen Interview-Antworten und einem kleinen Einblick in sein letztes Buch „Treibsand: Was es heißt, ein Mensch zu sein“ – auch dieser sehr persönlich ausgewählt und kaum aussagekräftig hinsichtlich der Handlung des Buchs.

Und doch sind es diese winzigen Passagen und das Gespräch der beiden Männer darüber, die mich neugierig machen auf das Buch und auf den Autor. Vor allem auf den Autor – seine Einstellung zum Tod, die so viel über das Leben aussagt. Leben heiße, Ja oder Nein sagen zu können, zitiert Draf eine offenbar sehr persönliche Passage aus dem Buch: Tot zu sein dagegen bedeute, von Schweigen umschlossen zu sein.

An einer anderen Stelle geht es um ein ebenfalls in „Treibsand“ beschriebenes Familienportrait, auf dem auch bereits verstorbene Kinder zu sehen seien, wenn auch nur in wenigen Teilen – laut Mankell, weil sie nicht verschwinden wollten. Henning Mankell erzählt Draf über Shakespeares Ausspruch von der Welt als eine Bühne, von der Möglichkeit, nur zu Lebzeiten zu strahlen. Über die einzige Gelegenheit dazu, über das Leben.

Mich berühren diese Sätze. Sie passen gerade so gut zu mir. Will ich strahlen, will ich präsent sein? Will ich eine Bühne? Ja? Dann jetzt! Und zwar mit der Möglichkeit und der damit verbundenen Notwendigkeit, Ja oder Nein zu sagen, Entscheidungen zu treffen – denn wenn der Tod bedeutet, vom Schweigen umschlossen zu sein, ist Schweigen ein dem Tode naher Zustand. Und der passt mir noch nicht in den Kram.

Herr Mankell, Ihnen hat er auch noch nicht in den Kram gepasst, wie ich heute über sie lernen durfte. Trotzdem hoffe ich, dass Sie Ihren Frieden gefunden haben. Ich werde Sie leider nicht mehr persönlich kennenlernen – aber Ihre Bücher, die leben weiter. Und Sie mit Ihnen.

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